aus der rückgrat-Ausgabe 1/1995

Martin Gerlach über seinen Bürgermeisterposten:

Viel Platz für eigene Ideen und wenig Zeit

Der hat einen Job gesucht und eine Aufgabe gefunden, sagte einmal einer unserer Professoren über ihn. Martin Gerlach ist im Sommer 1994 kurz vor seiner Staatsprüfung zum Bürgermeister in dem 2850 Einwohner zählenden Walheim gewählt worden. Wie es ihm nach einem 3/4 Jahr Berufserfahrung damit geht, hat er dem rückgrat in einem Interview verraten.

Wie sieht denn bei Dir ein "normaler Arbeitstag" aus?

Bei mir steht jeden Tag etwas anderes auf dem Programm. Der heutige begann um 8.15 Uhr mit einer Baustellenbesichtigung. Wir bauen an einem Kindergarten und da wollte ich schauen, ob alles klappt. Um ungefähr 8.30 Uhr beginnt mein normaler Dienstbeginn im Rathaus, so auch heute. Die Post wurde durchgeschaut und erste Telefonate geführt. Um 9.00 Uhr war ich in unserer Bücherei um die dort geplante Reorganisierung zu besprechen. Um 11.00 Uhr folgte eine weitere Besprechung und eine halbe Stunde später gab ich der Bietigheimer Zeitung ein Interview. Zwischen 13.00 und 13.30 Uhr gab es zu Hause Mittagessen. Anschließend habe ich mit Mitarbeitern von anderen Gemeinden ein Gespräch über die geplante Computervernetzung in unserem Rathaus geführt. Um 15.00 Uhr gab es dann noch eine Besprechung im Kirchheimer Rathaus. Und nach diesem Interview mit dem rückgrat werde noch bis ungefähr 21.00 Uhr im Rathaus bleiben. In den Abendstunden finde ich dann die Zeit für die kniffligeren Aufgaben, für die ich tagsüber keine Ruhe finde.

Wie hoch ist Dein durchschnittlicher Zeitaufwand für diesen Job?

So wie heute besteht mein durchschnittlicher Arbeitstag aus ungefähr 12 Stunden. Alle 3 1/2 Wochen gibt es eine GR-Sitzung, notwendige Vorbesprechungen kommen noch dazu. Am Wochenende steht meistens mindestens ein Termin an. Der BM ist eigentlich immer im Dienst, oft muß man sich bewußt werden, daß das Recht auf privates Eigenleben auch für Bürgermeister gilt.

Gibt es Akzeptanzprobleme bei den älteren Mitarbeiter, GR oder Bürger wegen Deines Alters ?

Nein, überhaupt nicht und so jung bin ich mit 29 Jahre ja auch nicht mehr, auch wenn ich hier im Kreis der jüngste Bürgermeister bin. In letzter Zeit wurden ja öfters jüngere Bürgermeister gewählt.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit dem GR?

Zum Glück gibt es in Walheim ein eher partnerschaftliches Verhältnis zwischen GR und BM. Man versucht zusammen das Beste für die Gemeinde zu erreichen. Voraussetzung dafür ist aber eine gute Informationspolitik von Seiten der Verwaltung.

Wieviel Knete springt bei Dir für den Posten heraus?

Meine Besoldungsstufe ist A14. Das sind über 5000 DM im Monat, aber damit verkaufst Du Deine Freizeit gleich mit.

Welche Veränderungen hast bereits im Walheimer Rathaus durchgeführt und welche planst Du für die Zukunft?

Mein wichtigstes Ziel ist es, bei der Verwaltung Zeit für den einzelnen Bürger zu schaffen. Zur Zeit erarbeiten wir eine neue Aufgabenzuweisung für die Mitarbeiter. Der Dienstleistungsabend ist jetzt auf Montag verlegt, damit die Mitarbeiter auch den langen Donnerstag nutzen können. Außerdem kann jeder Mitarbeiter einmal im Monat einen ganzen Tag abgleiten. Im Erdgeschoß des Rathauses wird ein Bürgeramt eingerichtet, wo dann der Bürger nicht mehr in verschiedene Ämter laufen muß, sondern alles an einem Schalter erledigen kann. Im Augenblick sind viele publikumintensive Ämter im 3. Geschoß, viele ältere Bürger haben da Schwierigkeiten mit den Treppen.
Ein wichtiges Projekt, welches zur Zeit läuft, ist die Einführung der EDV im Rathaus. Im Haushaltsplan 95 stehen Mittel zur Verfügung um die einzelnen Arbeitsplätze erstmals mit entsprechender Hard- und Software auszurüsten.
Für diesen Sommer plane ich noch eine Elefantenrunde mit den Vorsitzenden der Vereine. Viele Vereine schaffen für sich alleine oder sogar gegeneinander, vielleicht kann man die Vereinsarbeit vor allem für die Jugend durch gemeinsame Aktivitäten und Gespräche verbessern.
Langfristig wäre ein Anschluß an den Regionalverband mit einer S-Bahn-Haltestelle eine tolle Sache, ebenso die Förderung und Belebung des Walheimer Ortskerns.

Wo holst Du Informationen, wenn Du einmal Hilfe brauchst?

Bei den regelmäßigen BM-Versammlungen gibt es einen Erfahrungsaustausch zu gleichartigen Problemen. Viel Hilfe gibt mir aber auch der Gemeindetag. Wenn man eine Satzung aufstellen will, holt man sich dort eine Mustersatzung, das Selbererarbeiten ist viel zu zeitaufwendig. Abgesehen davon verstehen die Mitarbeiter hier in Walheim ihre Arbeit und so laufen viele Tätigkeiten routinemäßig und ohne größere Probleme ab.

Als BM bist Du ja auch Repräsentant der Gemeinde. Gibt es da Schwierigkeiten?

Man gewöhnt sich tatsächlich daran. Am Anfang hatte ich bei Auftritten in der Öffentlichkeit öfters "die Hosen voll", aber mit der Zeit wird das immer mehr zur Routine. Zum Glück habe ich mit meiner Katja eine gute Kritikerin zu Hause, die mir hilft, daran zu arbeiten.

Inwieweit helfern Dir die 2 Jahre FHöV-Studium bei Deiner Arbeit?

Je mehr man dort mitnimmt, desto leichter tut man sich. Manchmal ärgere ich mich, daß ich nicht mehr aufgepaßt habe. Wenn ich es dann nachlesen muß, kostet das Zeit, die nicht da ist.
Schade ist, daß die meisten Sachen an der FH nur angesprochen werden . Man lernt vielleicht grob, wie ein Bebauungsplanverfahren abläuft, wenn man aber dann selber machen muß, fehlt einfach das spezielle und genaue Wissen. Wenn ich Wissen brauche, dann meistens sehr spezielles.
Wichtig ist auf jeden Fall, daß man sich während der FH-Zeit ein Wissensgerüst zulegt, in das man alles einordnen kann. In meinem Job ist natürlich KVR sehr wichtig, andere Sachen wie Buchen brauche ich eigentlich gar nicht mehr, das macht der Kämmerer.
Im nachhinein vermisse ich an der FH das Arbeiten an praktischen Fällen. Bei der geplanten Aufgabenumverteilung im Walheimer Rathaus nützen mir Orgagramme wenig, da fehlt mir eher das einfache Handwerkszeug. Ebenso sollte die Fachhochschule auch Vermittler von neuen Denk-und Arbeitsweisen sein. Veränderung in den Ämtern kommt nur von "Frischlingen", die noch nicht im Alltagstrott sind. Nur wenn diese Berufsanfänger innovative Ideen mitbringen, kann sich dort was bewegen.
Ganz wichtig finde ich auch, daß im EDV-Unterricht nur mit den neusten und gebräuchlichsten Programmen gearbeitet wird. Wenigstens für die Übergangszeit an den ersten Arbeitsplatz hat man dann das notwendige Wissen für den richtigen Umgang mit den Rechnern.

Sind die Erwartungen, die Du bei Deiner Wahl an den Job hattest, erfüllt?

Ich habe schon damals versucht, mir keine Illusionen zu machen. Mir macht die Arbeit viel Spaß, sie gibt sehr viel Freiraum für einen selbst. In diesem ersten 3/4 Jahr habe ich viele Hochs und Tiefs erlebt, aber man wächst daran in diesem Job. Das erste halbe Jahr habe ich eigentlich nur die vielen neuen Informationen konsumiert, erst jetzt kann ich langsam schauen, was hier läuft oder was geändert werden könnte. Und wenn ich dann einen Verbesserungsvorschlag habe und der Gemeinderat ihn akzeptiert, kann ich was verändern.
Schwierig ist für mich immer noch, mich nicht von dem Berg unerledigter Aufgaben und Arbeit verrücktmachen zu lassen, sondern Schritt für Schritt zu erledigen. Aber auch das lernt man bei dieser Arbeit.
Dieses letzte Jahr war ziemlich ereignisreich. Da war zuerst der Wahlkampf und die gewonnene Wahl. Dann kam die Lernerei und die Staatsprüfung dazu. Im Herbst begann die Einarbeitungszeit in den Job. Dann habe ich in dem Jahr noch meine "bessere Hälfte" geheiratet und für Nachwuchs ist auch schon gesorgt. Solch ein Jahr macht man nur einmal mit im Leben.

Volker Haug