aus der rückgrat-Ausgabe 1/1995

Quo vadis, Omale?

Ein mittelmäßiger Dienstag-Morgen. Tatort LB, Hirschbergstraße.
Fünf verschlafene und verkaterte Gestalten (Namen der Red. bekannt) harren der Dinge, die da kommen sollten, bzw. es zunächst nicht taten. Dann endlich geschieht das Unfaßbare...
Ein Bus voller Rentner schiebt sich aus dem Nichts, bereit, unsere Helden - nebst weiteren Oldtimern - in sich aufzunehmen und sie in eine völlig neue Welt zu entführen - die der Kaffeefahrt.
Zugegeben, klingt banal, läßt aber einige Einblicke in unsere Gesellschaft zu. Doch der Reihe nach...

Nachdem der relativ unfähige Busfahrer von einigen Herrschaften glücklich durch Lubu gelotst worden war, wurden gleich auf dem ersten Rastplatz die Frühstücksbierchen angerissen.
Weiter gings mit dem Bus und vorkriegsähnlichen Fahrleistungen in den "malerischen Odenwald" (Namen sind Schall und Rauch, meine Babes!), wo - "endlich" - die Verkaufsveranstaltung mit "freigestellter Teilnahme" (wo soll man auch in einem Kaff mit 11 Häusern und einem Gasthof, in dem "zufällig" genannte Veranstaltung abläuft, schon hin?) stattfinden sollte.

Selbige wurde zum "ersehnten" Psycho-Trip. Ein gealterter Playboy nebst abgehalfterter Blondine und öligem Gehilfen (mit Eunuchen-Stimme) führte seine Gerätschaft (nein, nicht die!) vor und versuchte sie mittels markiger Sprüche, dirty jokes und psychologischem Dauerfeuer ("wofür die Kohle, wennze tot bis´", "die Kinner wollen eh´ bloß deine Knete...", "...gönn dir doch auch mal wat, du has´ dein Lebtag jeschuftet..."(lang lebe die rheinische Frohnatur! - Anm. d. Verf.)) an die Oma, bzw. an den Opa zu bringen. Natürlich nicht ohne beifälliges Gemurmel oder Genicke der Alten (hatte aber definitiv nichts mit Headbanging zu tun).
Alles war "exklusiv", nur "jetzt so billig".
Gekauft werden sollte ein popeliges Massagebett ("...jetzt, speziell für euch nur 1600,- DM statt 2000,- DM, ihr spart also 400,- Mäuse"). Dieses "durfte" sogleich getestet werden (dank gewisser Auffälligkeiten kam auch der Verfasser dieser Zeilen in den "Genuß") und sollte auch mehr oder weniger begeistert beurteilt werden.
Langer Rede, kurzer Sinn - nach zwei Stunden waren neun Bettchen verkauft. Der selige Schacherer war damit aber noch nicht zufrieden, jetzt war das "Kleinvieh" an der Reihe. Vom Besteck über Reisen, bis hin zu Teddies und Putzmitteln wurde alles "billiger als sonst" feilgeboten - Nötigung pur!

Hernach ging´s - auf Umwegen - zu einer Oldie-Modenschau mit - Überraschung! - anschließender Einkaufsmöglichkeit. Davon wurde fleißigst Gebrauch gemacht. Als wir dann auf einige Frauen (logisch...) warten mußten, zeigten dann einige Ommas, was sie schimpfworttechnisch so drauf hatten...

Endlich wurde dann der Heimweg eingeschlagen und nach einer beinahe ewig dauernden Kurverei erreichten wir wieder unser geliebtes Lubu - nicht ohne die angedrohten "Geschenke" (Geschirr, Radio, Tischuhr, Werkzeugkoffer) abzugreifen.
Ein schöner Tag ging zu ende...

P.S.: Es mag nun alles ganz lustig klingen (und irgendwo war´s auch mal was anderes), aber meiner Meinung nach ist diese ganze Maschinerie (vernachlässigte alte Leute werden von cleveren (naja!) "Geschäftsleuten" ausgenommen) schlicht und einfach zum Kotzen! (Es gibt natürlich auch Profis, die nicht darunter fallen.)
Aber das ist schon länger bekannt - bloß, muß das sein?
Mich würde es anwidern, müßte ich mir vorstellen, meine Großeltern würden dort teilnehmen und sich bescheißen lassen, weil ich keine Zeit für sie habe (und viele geben das als Grund an!). Die ohne Anhang seien hier außer acht gelassen.
Das mag jetzt weit hergeholt klingen und Euch nicht groß interessieren, aber denkt mal nach!

Oliver Vollmer, I 93