aus der rückgrat-Ausgabe 3/1994
In dem Bericht wird über das Einstellungsverfahren für FHöV-Absolventen in einer großen Kreisstadt berichtet
Stadtverwaltung Ulm
Eigene Auszubildende haben
einen Bonus
Auch an Ulm, einem Stadtkreis mit 115.000 Einwohnern, geht die konjunkturelle Krise nicht vorbei.
In der etwa 2200 Beschäftigte umfassenden Verwaltung wurden 1994 zwei Stellen speziell für FH-Abgänger ausgeschrieben. Daß der Andrang relativ groß ausfallen würde, war von vornherein klar, aber über die enorme Zahl von über 240 Bewerbern äußerte sich auch der Leiter des Personalamts, Herr Mayer, überrascht.
Die Stadt Ulm schreibt jedes Jahr einige Stellen speziell für Nachwuchskräfte aus. Die Größe dieses Stellenpotentials beschließt der Gemeinderat jeweils für das nächste Jahr. In finanziell besseren Jahren war die Zahl natürlich größer - daß der Topf 5-7 Stellen umfaßte war da keine Seltenheit. Aufgrund der Lage wurde die Zahl zusammengestrichen, dieses Jahr waren es nur noch zwei.
Welche Tätigkeit der Stelleninhaber ausüben wird, steht zum Zeitpunkt der Ausschreibung noch nicht fest, der Bewerber weiß also noch nicht, was ihn erwartet. Neben diesen zwei Stellen werden außerdem noch einige weitere ausgeschrieben, auf die sich durchaus auch FH-Abgänger bewerben könnten. Der Andrang ist jedenfalls ähnlich stark.
Bei der Auswahl der Stellenanwärter geht die Stadt sehr gründlich vor. Das belegt auch schon die Zeit, sie zwischen Auschreibung und Entscheidung vergeht: üblicherweise sind das nach Angaben von Herrn Mayer etwa drei Monate.
Durch die große Anzahl von Bewerbern hat sich die Gewichtung der Auswahlkriterien etwas verlagert. Als vorrangig betrachtet Herr Mayer den persönlichen Eindruck, den ein Bewerber hinterläßt, wobei es sehr schwierig ist, diesen bei 240 Bewerbungen herauszufinden. Daher werden als Gradmesser primär die Noten herangezogen. Jemand, der seine Ausbildung in Ulm gemacht hat, hat dabei einen eindeutigen Bonus - bei Noten im guten Dreier-Bereich würden sie auswärtigen Bewerbern vorgezogen, auch wenn diese bessere N
oten haben. Positiv fällt auf, daß der Wohnsitz dabei eine eher untergeordnete Rolle spielt.
Das Personalamt bestimmt dann, wer in die engere Auswahl kommt; die endgültige Auswahl erfolgt anschließend in einem Gremium aus Personalamtsleiter, Ausbildungsleiter und Personalratsangehörigen. Am Ende hat dann der erste Bürgermeister das letzte Wort. Für die Besetzung einer der beiden Stellen hat man sich in Ulm bereits entschieden. Das Ergebnis spiegelt den allgemeinen Trend wider: männlich und Note bei 9 Punkten.
Die Prognose für´s nächste Jahr fällt laut Herrn Mayer nicht besser aus als dieses Jahr. Im Gemeinderat bestehe die Tendenz, wieder nur zwei Stellen speziell für FH-Abgänger bereitzustellen - eher weniger.
Allgemein betrachtet Herr Mayer die Situation mit Besorgnis, dann an Arbeit und Einsatzmöglichkeiten für Nachwuchskräfte mangelt es ja bekanntlich nicht. Die Talfahrt wird sicherlich irgendwann auch gebremst, denn grenzenloser Abbau ist nicht möglich und die finanzielle Lage wird sich auf längere Sicht auch wieder etwas entspannen.
Anmerkung der Interviewerin: Das Verfahren der Stadt Ulm, eigens Nachwuchsstellen zu schaffen, ist durchaus als positiv zu betrachten, denn bei den meisten sonst ausgeschriebenen Stellen werden in der Regel Bewerber mit vorhandener Berufserfahrung bevorzugt. Allerdings ist es auch mit einigen Nachteilen behaftet: Zum einen weiß der Bewerber nicht, auf welcher Stelle er einmal eingesetzt wird; es kann also passieren, daß es für den Betroffenen zu bösen Überraschungen kommt, landet er auf einer Stelle, die i
hm überhaupt nicht zusagt. Zum anderen bekommt die Dienststelle, in der eine solche Stelle frei wird, einen Mitarbeiter, den sich die Dienststellenleitung nicht selbst herausgesucht hat (wie das sonst normal der Fall ist). Auch auf dieser Seite kann es also zu Unzufriedenheiten kommen, wobei ich unterstellen möchte, daß das Personalamt keine ungeeigneten Anwärter einstellt.
Insofern wäre die Ausschreibung einer konkret freiwerdenden Stelle sinnvoller; allerdings, und dieses Argument sehe ich genauso ein, auch einiges aufwendiger.