aus der rückgrat-Ausgabe 3/1994

In dem Bericht wird über das Einstellungsverfahren für FHöV-Absolventen in einer großen Kreisstadt berichtet

Stadtverwaltung Schorndorf

Wir suchen Beamte mit Biß

Auch hier wurde im Juli eine Stelle mit einem FH-Abgänger besetzt. Auf diesen Arbeitsplatz bewarben sich ca. 100 Stellensuchende, davon 90 Fachhochschulabgänger. In einem Interview erläuterte der Personalchef Herr Lenk-Holder, wie der Glückliche ausgewählt wurde: Vorauswahl: Am interessantesten ist sicher die Frage nach den Entscheidungskriterien der Vorauswahl. 14 Bewerber galt es für ein Vorstellungsgespräch aus der anonymen Menge herauszusuchen, die am besten für den Job geeignet zu sein schienen. Es dauerte zwischen 4 Tagen und 3 Wochen, bis der Bewerbungseingang bestätigt wurde. Die besten Chancen hatten die Bewerber, die schon den praktischen Teil der Ausbildung in Schorndorf gemacht haben. So hatte die Hälfte der zum Vorstellungsgespräch eingeladenen Personen in der Schorndorfer Verwaltung als Azubi gearbeitet. Der Grund dieser Bevorzugung liegt nach Auskunft von Herrn Lenk-Holder in den reichhaltigen Informationen über die Auszubildenden, die ja in den Köpfen der Verwaltungsmitarbeiter und in der Personalakten noch immer vorhanden sind. Auch als sehr wichtig wurde die räumliche Nähe des Wohnortes zu Schorndorf gesehen. Nach Auskunft der Verwaltung gibt es hier durch die schlechte Wohnungsmarktsituation immer wieder Schwierigkeiten, die ausgewählten Bewerber würden eher als Einheimische die Stelle nicht annehmen oder wieder frühzeitig kündigen. In der Prioritätenliste folgt als nächstes Auswahlkriterium der Notendurchschnitt. Bewerber mit 4-5 Punkten wurden wegen genügend besseren Bewerbern aussortiert. Aber auch die Abiturnoten wurden herangezogen. Es wird versucht, aufgrund der Notenverteilung der einzelnen Fächer auf die unterschiedlichen Fähigkeiten der Bewerber zu schließen. Ist jemand eher mathematisch oder sprachlich begabt, liegen ihm eher organisatorische oder theoretische Fächer. Die Teilnahme an Seminaren oder Intensivkursen ist nach der Meinung der Verwaltung schon fast selbstverständlich. Wer hier nichts vorweisen kann, muß mit einem Minuspunkt bei der Vorauswahl rechnen. Das Thema der Seminare oder Intensivkurse ist nicht unbedingt entscheidend. Eher die Bereitschaft, zusätzlich zum Pflichtunterricht zu lernen, ist hier bedeutend. Außerdem rechnet die Verwaltung auch mit Umbewerbungen des Eingestellten innerhalb der Verwaltung, bei der dann andere Fachkenntnisse vorteilhaft sein können. Nach Angaben von Herrn Lenk-Holder ist die Aufmachung der Bewerbungen bei fast allen FH-Studenten gleich. Deshalb könnte die Bewerbung an sich nicht mehr als großes Entscheidungsmerkmal herangezogen werden. Versuche, die Bewerbung in einer anderen, kreativen Form zu verfassen, wurde bei ihm positiv bewertet. Einen Pluspunkt kann der Bewerber bekommen, der Interesse an seinem möglichen Arbeitsplatz zeigt, sich also die Verwaltung mal anschaut und die Bewerbung persönlich vorbeibringt. Persönliches Gespräch: 7 weibliche und 7 männliche Bewerber wurden in die engere Auswahl genommen und zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Teilnehmer seitens der Verwaltung waren 4 Männer: Der Leiter des Personalamtes, EBM, Amtsleiter und ein Vertreter des Personalrates. Nach Auskunft des Personalchefs würde auf ihn ein eher unauffälliges Outfit positiv wirken. Die Bekleidung sollte nicht im Stil einer Abendgarderobe sein, sondern normaler und bequemer "Arbeitskleidung" entsprechen. Wichtig am Gesamteindruck ist auch die Art, wie sich der Bewerber am Gespräch beteiligt. Die Verwaltung braucht keine Mitarbeiter, die überall nur zustimmen, sondern solche, die auch zu kämpfen verstehen und eigene Ideen einbringen können. Im Vorstellungsgespräch wird versucht, solche "Beamte mit Biß" herauszusuchen. Das Vorstellungsgespräch dauerte pro Person nur durchschnittlich 10 Minuten. Die endgültige Entscheidung stand dann 3 Tage nach dem Vorstellungsgespräch fest. Einschätzung der Stellensituation 1995: Nach Auskunft des Personalchefs wird sich die Situation kaum ändern. Unter Umständen hält er allerdings auch eine geringe Verbesserung für möglich, da er einen weiteren Personalabbau für nicht mehr verkraftbar hält. Teilzeitstellen: Die neugebildete Stelle ging aus einer Teilzeitstellenbildung heraus. Schorndorf hat zur Zeit ca. 100 TZ-Stellen, davon aber nur 3 Stellen, bei denen nachmittags gearbeitet wird. Auch in Zukunft will Schorndorf verstärkt solche Teilzeitstellen anbieten, da diese eine bessere Arbeitszeitausnutzung (Synergieeffekt) versprechen. Nachteilig an der Teilzeitstellenbildung sind die höheren Personalverwaltungskosten und durch starke Konzentrierung an den Morgenstunden auch höhere Gebäudekosten, da mehr Büros bereitgestellt werden müssen. Anmerkung des Interviewers: Die Kriterien der Auswahl zeigen eindeutige Vorstellungen, wie ein zukünftiger Beamter der Schorndorfer Rathausverwaltung aussehen soll. Erfreulich ist aber die Tatsache, daß der in diesem Fall bevorzugte Bewerber weder in der Schorndorfer Verwaltung Auszubildender war noch in der Nähe von Schorndorf wohnte. Dies zeigt, daß das Gesamtbild, die Summe aller Eindrücke eines Bewerbers, immer noch die entscheidende Rolle spielen. Volker Haug I93/C113